Tag 9 - Endlich an der Nordsee
Heute: 89km, 412Hm
Total: 691km, 3632Hm
In der Nacht hat es mittlerweile nur noch 12 Grad. Ich liege eingemummt mit vielen Kleidungsschichten in meinem Schlafsack und mir friert trotzdem die Nasenspitze ab. Verrückt, dass ich von noch vor ein paar Tagen nur in Unterwäsche unter dem Schlafsack geschlafen habe weil es mir darin zu warm war. Die 40 Grad in Frankreich kommen mir sowieso schon ewig her vor.
Nach Norwich sind 25km Fahrradweg angesagt. Es ist das erste Mal auf dieser Tour, dass es einen dezidierten Fahrradweg gibt. Eine nette Abwechslung, denn es geht einfach geradeaus, und man muss nicht nachdenken wo man abbiegt, Hügel gibt es mittlerweile sowieso weniger und die Landschaft gefällt mir wieder besser. Es gibt mehr Sand und die Vegetation ist auch wieder eher mediterran.
Die Dörfer sind sehr süß und klein und ich fahre durch viele enge Gassen, umgeben von Backsteinhäusern und Feuersteinhäusern.
Es gibt auch mal einen Bach wo ein Paar mit einem Boot entlang fährt, umgeben von Schwänen. In einem anderen Dorf finde ich dieses Juwel am öffentlichen Klo:
Mir geht es wieder besser und ich bin halbwegs fit, aber der Tag ist kühl und ich fahre mit langen Sachen. Gestern Abend habe ich mit dem Harry Potter Hörbuch angefangen, um mich ein bisschen einzustimmen.
Ich erreiche die Nordsee in Wells-next-the-sea, einem sehr touristischen Küstenort. Laut Google soll es hier einen riesigen Sandstrand geben, aber als ich entlang fahre sehe ich nur viele Dünen und Nadelwälder.
Irgendwann biegt aber ein Weg ab und ich fahre am Ende über Holzbrücken bis zum Strand. Der Sandstrand ist wirklich groß, ich gehe eine Viertelstunde bis ich beim Meer bin. Eigentlich wäre ich gerne hinein gesprungen, aber es ist kalt und windig und ich habe keine Sachen zum Wechseln, deswegen muss es bis zu den Knien reichen. Es ist aber ein schönes Gefühl wieder am Meer zu sein, so habe ich mir die North Sea Cycle Route vorgestellt!
Ich übernachte in einem Pop-Up Campingplatz, am Eingang stehen vier Leute bei einem Container und ich frage ob es möglich ist für eine Nacht hier zu zelten.
Ein Mann dreht sich um und sagt zu seinen Kollegen: "What do we do about gents like these?"
Der andere antwortet: "I didn't see him come in".
Er zeigt mir noch verschwörerisch wo die Duschen und Klos sind und schickt mich dann los, mir einen Platz zu suchen. Und ich war mir am Anfang nicht sicher ob ich mir diesen Campingplatz leisten kann, denn er ist auf irgendeinem alten Anwesen mit Parks und einer Mansion, es gibt Seen und Rehe. Die Sorge war aber anscheinend unbegründet!
Ich rechne heute ein bisschen nach, denn ich bin schon 700km gefahren, laut Plan wären es aber nur 600 gewesen. Diese Zusatzkilometer, die auch später wahrscheinlich noch auftreten werden, plus die Rest Days - das wird knapp. Mit noch zwei Pausetagen müsste ich jeden Tag 90 Plan-Kilometer fahren, sprich in Realität wahrscheinlich 100. Im Norden gefällt es mir aber besser und es gibt es auch einige Sachen die ich mir anschauen will. Wenn ich also irgendwo ein Stück mit dem Zug fahre dann ist es wahrscheinlich eher bald.
Als ich so alleine vor mich hin planen am Boden sitze kommt ein älterer Herr zu mir (wieder einmal) und lädt mich zum Abendessen ein. Er gehört zu einer Gruppe aus vier britische Paaren in ihren 50er oder 60er, die machen gemeinsam Urlaub hier. Sie sind sehr gastfreundlich und nett und fragen mich zwei Stunden lang über meine Reise, über Österreich und alle möglichen Themen aus. Wie so viele Briten sind sie extrem freundlich und zuvorkommend, und komplimentieren bei jeder Gelegenheit mein Englisch. Irgendwann wird mir aber auch mit zwei Hosen und vier Schichten obenrum kalt und ich ziehe mich in mein Zelt zurück.
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