Tag 1 - Die Anreise

Heute: 25km, 220Hm
Total: 25km, 220Hm

Montag, der 18. Juli 2022 ist der große Tag. Alles ist gepackt, ich bin bereit zum Losstarten. Im Nightjet nach Paris sind wir zu sechst im Sitzabteil, die Liegewagen waren über ein Monat im Vorraus ausgebucht. Eine nette vierköpfige französische Familie versucht abwechselnd mit gebrochenem Englisch und gebrochenem Deutsch mit mir zu plaudern, die Stimmung ist gut! Der Schlaf leider weniger, man weiß nicht wo man seine Beine hinstrecken soll, überlal sind Körper. Laut Sleeptracker kriege ich ganze 3 Stunden Schlaf, das muss reichen! In Paris steige ich dann um in einen TGV, der fährt aber von einem anderen Bahnhof. Zuerst wollte ich gehen, aber am Bahnsteig merke ich schon: ich muss alle 10 Meter eine Pause machen, so schwer ist mein Gepäck, das wiegt sicher so viel wie ich selbst. Rucksack und Lenkertasche umgehängt, auf jeder Schulter eine volle Packtasche, linke Hand trägt den "Schlaf-Drybag" und in der rechten Hand ist das zerlegte und eingepackte Fahrrad. Beim Tragen von dem ganzen Zeug frage ich mich kurz wie ich das 4 Monate herumführen werde, aber es lebe die Rollreibung! Dass ich zurück fliegen werde war auf jeden Fall die richtige Entscheidung!
Ich nehme also die U-Bahn, und warte bis mein Zug kommt. Ich bin doch froh in ein englischsprachiges Land zu fahren, es ist zwar Klischee, aber Verständigung in Frankreich ist wirklich problematisch.
Die Landschaft ist aber bilderbuchhaft, Weizenfelder ziehen sich über rollende Hügel, durchbrochen von Landhäuser.
Meine Reise startet natürlich pünktlich zur Hitzewelle, in Paris hat es noch angenehme 36 Grad, in Calais, wo ich zwei Stunden später ankomme, sind es dann 42°C. In Großbritannien wurden heute zum ersten Mal in der Geschichte über 40°C gemessen. Zum Glück sind es in ein paar Tagen wieder unter 20°C, da freue ich mich schon drauf! Ich baue unter etwas Zeitdruck mein Fahrrad zusammen, denn ich muss noch 40 Minuten bis zum Hafen radeln, und dort meine Fähre finden. Das Zusammenbauen funktioniert gut, ein paar Teile klappern noch, aber solange es mich zum Hafen bringt bin ich im Moment glücklich. Ein Bahnhofbediensteter verteilt wegen der Hitze Wasserflaschen unter den Wartenden.
Die Straßen sind ausgestorben, und die Hitze geht auch an mir nicht vorbei. Zumindest ist die Luft staubtrocken, schlecht für die Waldbrände aber gut für mich. Mein Handy gibt wegen Überhitzung den Geist auf, also folge ich so gut es geht den Schildern. 
Unter all den Autos und LKWs fühlt man sich im Hafen schon sehr zerbrechlich. Die Zollbeamten finden meine Reise aber sehr cool, ein guter Start!
Auf der Fähre will ich mein heißes Wasser gegen kaltes vom Klo tauschen. Ein LKW-Fahrer spricht mich an, das sei kein Trinkwasser. In der exklusiven Fahrerlounge gibt es aber welches. Er zeigt mir wo, sagt ich soll warten bis die Bediensteten weg sind, dann gehe ich straight hin, fülle die Flasche auf, und versuche mit meiner Fahrradtasche möglichst wie ein LKW-Fahrer auszusehen. Alles geht gut, ich bin wieder flüssig! Zur Vervollständigung des leiblichen Wohles gibt es dann noch eine kulinarische Köstlichkeit. Ich freue mich schon auf die englische Küche! 
Im Hafen steht noch an jeder Kreuzung am Boden: "look left" oder "look right". Ab jetzt muss ich aufpassen, und mir gleich das links fahren antrainieren. Ich fahre noch zu Morrisons einkaufen, dann geht es (ohne Internet und dementsprechend schlechter Navigation) in Richtung Campingplatz. Zuerst entlang von Backstein-Reihenhäusern und steil einen Hügel hinauf zwischen engen Hecken, dann auf dem Plateu oben dann im Sonnenuntergang durch Weizenfelder. England geht gleich aufs Ganze, und die Strapazen des Tages sind vergessen als ich durch die schöne Landschaft gleite. Am Campingplatz ist zwar keiner mehr da, aber eine englische Familie lädt mich ein mein Zelt neben ihnen aufzubauen und drückt mir gleich ein Bier in die Hand und wir quatschen. Wie alle Briten bisher sind sie extrem freundlich und zuvorkommend. Da habe ich mir ein gutes Land ausgesucht, ich fühle mich gut aufgenommen!

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